Die Hinrichtung der Lady Jane Grey

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
PAUL DELAROCHE - Ejecución de Lady Jane Grey (National Gallery de Londres, 1834).jpg
Die Hinrichtung der Lady Jane Grey
(auch
Jane Grey)
Paul Delaroche, 1833
Öl auf Leinwand, 246 cm × 297 cm
National Gallery, London

Die Hinrichtung der Lady Jane Grey (oft auch nur Jane Grey; französisch Le Supplice de Jane Grey) ist ein monumentales Ölgemälde des Malers Paul Delaroche. Das 1833 entstandene Gemälde zeigt Delaroches Interpretation der letzten Minuten der englischen „Neuntagekönigin“ Jane Grey. Das Bild hängt zentral im Raum für französische Malerei des frühen 19. Jahrhunderts in der National Gallery in London.[1]

Das Gemälde zeigt Jane Grey, die vom damaligen Konstabler des Tower, Sir John Brydges, in einer Kammer des Towers zur Hinrichtung geführt wird. Die ganz in Weiß gekleidete Grey trägt eine Augenbinde. Auf der rechten Seite des Bildes wartet bereits der Henker, während auf der linken Seite zwei trauernde Frauen zu sehen sind.

Obwohl das Gemälde nur wenig Ähnlichkeiten mit den realen Ereignissen 300 Jahre vor seiner Entstehung hatte, trug es doch maßgeblich dazu bei, das öffentliche Bild des Tower of London und von Jane Grey zu formen.[2] Es war bereits bei seiner ersten Veröffentlichung 1834 im Pariser Salon eine Sensation und sorgte europaweit für Diskussionsstoff. Zusammen mit den Prinzen im Tower gehört es zu den bekanntesten Werken von Delaroche.[3] Das Gemälde ist ein Publikumsmagnet der National Gallery, gilt vielen Kunsthistorikern aber als rührselig und albern.[2]

Inhaltsverzeichnis

Bildbeschreibung Bearbeiten

Die Szene spielt in einem dunklen Raum, der sich im Tower of London befinden muss. Zentrale Figur des Gemäldes ist die weiß gekleidete junge Jane Grey, die dem Betrachter das Gesicht zuwendet. Sie kniet auf einem Kissen. Durch eine Augenbinde am Sehen gehindert, tastet sie nach dem Block, auf dem sie hingerichtet werden soll. Der Konstabler des Towers, ein älterer Mann, hält ihre Arme. Links von Grey, und damit auf der rechten Seite des Bildbetrachters, steht der Henker, der ruhig auf den Moment seiner Arbeit wartet. Rechts von Grey im dunklen Hintergrund der Szene sind zwei ehemalige Dienstmägde der Königin zu sehen. Während die eine sich schluchzend an die Wand wirft, scheint die andere nahe der Ohnmacht.

Während die Dienstmägde vergleichsweise authentische Kleider der Tudor-Zeit tragen, ist Greys Kleid moderner. Sein Weiß sticht aus dem Bild heraus, und es zeigt wesentlich mehr von Greys jugendlichem Körper, als es ein zeitgenössisches Kleid getan hätte. Sowohl Konstabler als auch Henker scheinen in ihrer Haltung und ihrem Gesichtsausdruck Sympathie für Grey auszudrücken, ohne in ihrem Tun innezuhalten.[4]

Unter dem Block, auf den Grey ihren Hals legen soll, liegt Stroh, um das Blut aufzufangen. Die deutlich sichtbare Axt des Henkers weist ebenso wie das Stroh unter dem Block der Hinrichtung deutlich auf die blutigen Ereignisse hin, die sich in wenigen Momenten abspielen werden.[5]

Wie in seinen anderen Bildern auch, gelingt Delaroche eine Verbindung von klassischer akademischer Kunst und moderner romantischer Bewegung, die das Oxford Dictionary of Art als „akademisch und handwerklich tadellos, aber mit dem Aroma der Romantik“ beschreibt. Während er handwerklich klassische Stilmittel verwendet und zur Erschaffung des Gemäldes umfangreiche historische Studien betrieb, gelingt ihm doch ein romantischer Ausdruck. Das Gemälde ist auf größtmögliche Wirkung und Pathos ausgelegt. Es zeigt Grey in ihrem unsichersten und verwundbarsten Moment. Das Gemälde zielt in seiner Wirkung ebenso auf den Grusel des Publikums wie auf die Wirkung einer verletzlichen unschuldigen jungen Frau als Opfer.[5]

Entstehung Bearbeiten

Jane Grey war neun Tage lang englische Königin, bevor sie abgesetzt und 1554 im Alter von 16 Jahren auf dem Tower Green im Tower of London hingerichtet wurde. Grey, die bis dahin ein unauffälliges Leben geführt hatte, wurde im Rahmen der religiösen Auseinandersetzungen Englands als einzig mögliche protestantische Thronfolgerin ausersehen. Nach anfänglichem Zögern und massivem Druck der protestantischen Partei gelangte sie auf den Thron, wurde aber nur neun Tage später von ihrer katholischen Verwandten Maria I. abgesetzt und schließlich hingerichtet. Die Geschichte der jungen „Neuntagekönigin“ hat seitdem die Engländer fasziniert und führte zu einer reichhaltigen künstlerischen Verarbeitung.

Alphonse François nach einem Gemälde von Paul Delaroche: Marie Antoinette auf dem Weg zum revolutionären Tribunal

Delaroche selbst malte in einer Zeit, in der die blutigen Ereignisse der französischen Revolution und ihrer Folgen den meisten Zeitgenossen noch gegenwärtig waren. Im Werke Delaroches lässt sich eine Entwicklung feststellen, die auf diese Ereignisse zusteuert. Während er mit oft drastischer Historienmalerei beginnt und dabei Szenen wie die Hinrichtung von Jane Grey bevorzugt, nähert er sich im Laufe der Zeit thematisch und zeitlich immer mehr der französischen Revolution an. Die Hinrichtung einer amtierenden Monarchin spielt auch auf Ereignisse der französischen Revolution an, die Delaroche in späteren Jahren auch explizit malt.[2]

Delaroche verließ sich beim Gemälde neben seiner künstlerischen Inspiration auf historische Quellen. So kursierte die Geschichte, dass Jane Grey gefasst zur Hinrichtung gegangen, ruhig einen Psalm gesprochen, und die Augenbinde angelegt hätte. Danach sei sie allerdings in Panik geraten, hätte den Block gesucht, und wäre gestolpert. Diese Szene, über deren Wahrheitsgehalt sich die Geschichtswissenschaft nicht einig ist, wird von Delaroche gezeigt. Insgesamt zeigt sich das Gemälde deutlich mehr beeinflusst von der protestantischen Propaganda des 16. Jahrhunderts als dem nachvollziehbaren Ablauf der Ereignisse.[2]

Rezeption Bearbeiten

Bei seiner Ausstellung im Pariser Salon 1834 sorgte das Bild für Aufsehen, wie es nur alle paar Jahre beim Pariser Salon geschah.[6] Nur vier Jahre früher hatte Louis-Philippe I. in der Julirevolution die Macht von Karl X. erlangt. Königsabsetzung und Machtübergang war ein geläufiges Thema der Zeit. Die Einschätzungen von Delaroches Bild allerdings waren verschieden. Während Louis-Philippe die Ereignisse um Jane Grey als Gegensatz zu seiner friedlichen und legitimen Machtübernahme sah, nutzten auch politische Gegner die Popularität des Bildes. Nur wenige Wochen nach der Eröffnung des Pariser Salons veröffentlichte die Zeitschrift La Caricature eine Karikatur, die Louis-Philippe als Konstabler des Towers zeigte, und Libertas als Jane Grey.[5]

Delaroches Bild ist herausragendes Zeugnis einer Uminterpretation der Geschichte. Diente Jane Grey schon lange als Projektionsfläche für romantische Erzählungen der englischen Geschichte, begann sich dieses Bild im 19. Jahrhundert zu wandeln. Bis zum 19. Jahrhundert galt sie als romantische Heldin, die für den rechten Glauben kämpft, und daran zu Grunde geht. Delaroches Gemälde verkörpert eine Uminterpretation. In seinem Bild ist sie weniger kämpferische Heldin, sondern unschuldiges und hilfloses Opfer. Das Bild löste damit einen Trend aus, der Grey immer hilfloser und kindhafter porträtierte.[4]

Geschichte des Bildes Bearbeiten

Delaroche verkaufte das Bild beim Pariser Salon an den russischen Aristokraten Anatole Demidoff.[7] Im Jahr 1870 kaufte es ein englischer Geschäftsmann, der es 1902 der National Gallery stiftete. In den folgenden Jahrzehnten wechselte es mehrfach zwischen National Gallery und Tate Gallery. Nach dem Themsehochwasser von 1928, das auch die Tate überflutet hatte, galt es als unrettbar zerstört.[1]

Da Delaroche einer der populärsten Maler seiner Zeit war, wurde jedes seiner Bilder auch als Kupferstich für ein breiteres Publikum hergestellt. Während Delaroche die Jane Grey bereits 1834 dem Kupferstecher Paul Mercuri zusagte, erschien der Stich erst 1857.[8]

Das Bild, welches als zerstört galt, aber nur beschädigt war, verschwand für mehrere Jahrzehnte im Depot des Museums. Erst 1973 besann sich die National Gallery eines anderen und restaurierte das Gemälde. Als es 1975 das erste Mal wieder gezeigt wurde, war es in der Öffentlichkeit vollkommen in Vergessenheit geraten. Die National Gallery brachte zu dieser Zeit weder Maler noch Gemälde viel Wertschätzung entgegen. Öffentlich gab sie bekannt, die einzige interessante Frage zum Werk Delaroches sei, warum ausgerechnet er zu Lebzeiten so populär gewesen sei. [9]

Danach fand das Bild einen Platz in einem Gang zwischen zwei Galerien der National Gallery. Nachdem die National Gallery es jedoch in den Raum für französische Malerei des frühen 19. Jahrhunderts gehängt hatte, führte dies auch zu einer kleinen Renaissance des Malers Delaroche. Aufgrund seiner schieren Größe von knapp zweieinhalb mal drei Metern dominiert das Bild den Raum.[1] Im Jahre 2010 widmete die National Gallery Delaroche und Jane Grey sogar eine eigene Sonderausstellung unter dem Titel Painting History: Delaroche and Jane Grey.[10] Von März bis Mai 2012 war es im Louvre zu sehen.[11]

Literatur Bearbeiten

  • Stephen Bann: Paul Delaroche. History painted. Reaktion Books, London 1997, ISBN 1-86189-007-9.
  • Stephen Bann, Linda Whitely: Painting History. Delaroche and Lady Jane Grey. National Gallery Company, London 2010 (Ausstellungskatalog).

Weblinks Bearbeiten

Anmerkungen Bearbeiten

  1. a b c Bann S. 21
  2. a b c d Jones
  3. Bann S. 10
  4. a b Lyonette Felber (Hrsg.): Clio’s Daughters. British Women Making History, 1790–1899. Associated University Presses, 2007, ISBN 0-874-13981-3, S. 115
  5. a b c Albert Boime: Art in an Age of Counterrevolution, 1815–1848. University of Chicago Press, Chicago 2004, ISBN 0-226-06337-2, S. 340
  6. Bann S. 14
  7. Bann S. 20
  8. Bann S. 17
  9. Tim Barringer: Rethinking Delaroche/Recovering Leighton. In: Victorian Studies. Volume 44, Number 1, 2001, S. 9–24, hier S. 11
  10. National Gallery: Painting History
  11. Ausstellung "Un œil sur l'histoire Dessins de Paul Delaroche" vom 8. März bis 21. Mai 2012 im Louvre