Militärregierung

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Eine Militärregierung oder selten auch Stratokratie genannt (von griech. στρατός stratos ‚Heer‘ und κρατείν kratein ‚herrschen‘) bezeichnet eine Herrschaftsform, in welcher die Staatsgewalt (insbesondere die vollziehende Gewalt) vom Militär ausgeht. Oftmals wird die Militärregierung trotz geringfügiger Unterschiede mit der Militärdiktatur gleichgesetzt.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines Bearbeiten

Reine Militärregierungen sind eher selten. Vielmehr kam es in der historischen Entwicklungen meist zu Mischformen, in denen bürgerliche Regierungen existierten, die aber im Hintergrund vom Militär stark beeinflusst wurden. Zivile Regierungen erhalten demnach nicht die volle politische Macht und können zudem durch eine militärische Intervention abgesetzt werden. Gründe des Eingreifens können beispielsweise die Sicherung der Stabilität oder Beibehaltung des Status quo sein. Die Militärherrschaft kann sehr kurzlebig sein und nur bis zur Wiederherstellung des vom Militär gewünschten Zustandes andauern oder langfristiger Natur sein. Die Gründe für die Einrichtung einer Militärregierung liegen zumeist im innenpolitischen Versagen der Zivilregierung (z. B. schlechte Wirtschaftslage oder terroristische Aktivitäten) und dem Fehlen einer anderen beherrschenden Klasse außer dem Militär. Wenn das Militär die gesamte Staatsgewalt an sich reißt und zudem einen autoritären Herrschaftsstil praktiziert, spricht man von einer Militärdiktatur.

Oftmals werden Militärregierungen auch als Übergangslösungen in besetzten Ländern installiert. Beispiele dafür sind neben Deutschland (1945–1949), Japan (1945–1952), Österreich (1945–1955) oder auch in neueren Zeit der Irak (2003–2004). Siehe hierzu auch diesen Abschnitt. Doch sollten diese Interventionen von ausländische Truppen von einem Putsch durch eigenes Militär unterschieden werden.

Stufen einer Militärherrschaft Bearbeiten

Eric Nordlinger analysierte 1977 in seinem Buch Soldiers in Politics verschiedene Militärherrschaften. Er teilte die politische Einflussnahme der Armee in drei Stufen ein:

Mäßigende, beschwichtigende Form Bearbeiten

Zivilisten dürfen politische Ämter auch weiterhin bekleiden, wobei Offiziere jedoch ein Vetorecht behalten. Unter Androhung militärischer Gewalt sind sie fähig, Politiker durch ihnen wohlgesinntere Personen zu ersetzen, ohne dabei selbst direkt in der Politik aktiv zu werden. Ihr Ziel ist die Vermeidung anders gerichteter politischer Ideologien. Wirtschaftlich bleibt zumeist alles beim Alten.

Beschützende Form Bearbeiten

Das Militär übernimmt die Regierungskontrolle, um die Stabilität wieder herzustellen. Während dieser Zeit kommt es oft zu wirtschaftlichen Reformen. Öffentliche Organisationen und Medien können wie gewohnt arbeiten.

Beherrschende Form Bearbeiten

Es wird ein Militärregime errichtet, das auch einen weitreichenden Einfluss auf das öffentliche Leben ausübt. Es kommt zu grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen, wobei auch viele Grundrechte verletzt werden. Das Militär führt ein bürokratisches System ein. Unabhängige Medien werden verboten.

Empirische Evidenz Bearbeiten

Militärisch dominierte Staaten Bearbeiten

Türkei (1980–1989) Bearbeiten

1989 wurde der Nationale Sicherheitsrat in der Türkei aufgelöst. Dieser Rat bestand aus ranghohen Offizieren, welche die Exekutive besaßen. Die Ursprünge dieser militärischen Dominanz rührten aus der Zeit Kemal Atatürks. Atatürk begründete die Ideologie des Kemalismus, mit dem er die Türkei radikal umgestaltete. Er führte beispielsweise das Frauenwahlrecht ein, schloss Koranschulen und lehnte das türkische Rechtssystem an westliche Vorbilder an. Das Erbe Atatürks wird seitdem vom türkischen Militär geschützt. 1960 führten soziale Missstände zum Sturz der Regierung durch General Cemal Gürsel. Aber auch die Folgeregierung konnte die Probleme nicht in den Griff bekommen. Linke und rechte Terroraktivitäten nahmen zu, und die Wirtschaftslage verschlechterte sich rapide.

1971 griff die Armee erneut ein, und es kam zu repressiven Maßnahmen gegenüber der Bevölkerung. Aber auch die 1972 eingesetzte Regierung blieb nicht sehr lange im Amt. Am 12. September 1980 putschte Generalstabschef Kenan Evren gegen Ministerpräsident Süleyman Demirel. Evren verbot die Parteien und verhängte den Kriegszustand, um „gegen den Terrorismus im Land vorgehen“ zu können. Das Militär wurde 1982 als Teil der politischen Macht sogar in der Verfassung verankert und Evren zum Präsidenten gewählt. Die Türkei kehrte erst 1983 mit der Wahl von Turgut Özal zu einer Zivilherrschaft zurück. Dennoch bleibt das Militär auch heute in der Türkei eine der wichtigsten politischen Größen, wie es die Beziehung der Streitkräfte zur islamischen Regierung deutlich machen. Jedoch nimmt die Dominanz des Militärs seit den EU-Reformen ab. Bei einem Verfassungsreferendum am 12. September 2010 stimmten die Wähler über zahlreiche Änderungen der seit 1982 gültigen Verfassung des Landes ab. Die bislang umfassendste Verfassungsreform sah unter anderem auch die Beschränkung der Rechte des türkischen Militärs vor. Somit wird die politische Immunität für Mitglieder der Militärjunta von 1980 aufgehoben. Die Rechte der Militärgerichte werden eingeschränkt. So können hohe Generäle auch vor zivilen Gerichten verurteilt werden. Handlungen gegen die Sicherheit des Staates sowie gegen die verfassungsadäquate Ordnung der Strafverfolgung und des Strafvollzugs werden nicht mehr vor Militärgerichten verhandelt. Kurz danach wurden zahlreiche ehemalige Generäle und Beteiligte vom Militärputsch 1980 verhört und verhaftet.

Brasilien (1964–1985) Bearbeiten

Mit dem Putsch von 1964 übernahm Marschall Humberto Castelo Branco die Präsidentschaft in Brasilien. Im Jahr 1965 wurden dann die bestehenden politischen Parteien aufgelöst und ein künstliches Zweiparteiensystem geschaffen, das als „relative Demokratie“ bezeichnet wurde. Unter seinem Nachfolger Marschall Artur da Costa e Silva wurden die letzten Reste der Demokratie entfernt und erst unter Präsident João Baptista de Oliveira Figueiredo (1979–1985) begann eine Politik der Öffnung.

Griechenland (1967–1974) Bearbeiten

Griechenland wurde zwischen 1967 und 1974 von einer Militärdiktatur regiert, dem sogenannten Obristenregime.

Polen (1981–1983) Bearbeiten

In der Volksrepublik Polen war in der Zeit des Kriegsrechts in den Jahren 1981 bis 1983 das Militär unter General Wojciech Jaruzelski an der Macht.

Myanmar (1962–2011) Bearbeiten

Myanmar (früher: Birma) wurde von 1962 bis zum 4. Februar 2011 von einer Militärregierung regiert, zuletzt war General Than Shwe Staatschef, der noch immer dem Militär vorsteht. Seitdem ist Thein Sein ziviler Staatspräsident, der jedoch selbst als General eine Führungsrolle im Militär innehatte.

Chile (1973–1990) Bearbeiten

Chile war seit dem Putsch unter General Augusto Pinochet eine autoritäre Militärdiktatur.

Thailand Bearbeiten

Die thailändischen Streitkräfte besitzen große Macht und hohen Einfluss im Staat. Neben einer eigenen Bank (Thai Military Bank, TMB), besitzen die Teilstreitkräfte Fernseh- und Radiostadionen. Außerdem werden zahlreiche Flughäfen in Thailand militärisch und gleichzeitig zivil genutzt. Menschenrechtsverletzungen werden vor allem der Polizei vorgeworfen, die Gefängnisinsassen misshandelt oder verhaftete Personen, vor allem im Konflikt in Süd-Thailand, foltert oder verschwinden lässt. Das Militär schränkt nach jedem Militärputsch erfolgreich die Rede-, Versammlungs- und Pressefreiheit ein; die Behörden zwingen mit Gerichtsverfahren um Rufschädigung, Verrat oder Majestätsbeleidigung die Medien zur Selbstzensur. Es folgten oft Phasen von Repressionen und politischer Säuberungen gegen vermutete Kommunisten und anders denkende. Militärregierungen waren meist kurzlebig, es herrschten wirtschaftliche Probleme, soziale Unruhe, Korruption und Machtmissbrauch. Zuletzt putschte das Militär am 19. September 2006. Seit dem 23. Dezember 2007 gibt es wieder eine frei gewählte Regierung in Thailand.

Pakistan Bearbeiten

In Pakistan gilt das Militär als Staat im Staate und nimmt seit der Unabhängigkeit in vielen Teilen der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft eine bedeutende Machtpositionen ein. In der Geschichte Pakistans kam es zu mehreren Staatsstreichen; eine direkte Militärregierung bestand von 1958 bis 1971, von 1977 bis 1988 und zuletzt von 1999 bis 2002.

USA Bearbeiten

Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika gab es in der Phase der Reconstruction nach dem Bürgerkrieg von 1861–1865 neben der Besatzung durch Unionstruppen bis ins Jahr 1877 ein Erstarken des Einflusses des Militärs auf die Gesellschaft. Dennoch wird diese 17 Jahre dauernde Phase historisch als Grundstein für die Weltmacht USA gesehen.

Militärregierungen durch Besatzung Bearbeiten

Deutschland (1945–1949) Bearbeiten

In Deutschland wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Militärregierungen errichtet, die durch die drei Siegermächte Großbritannien (CCG/BE), USA (OMGUS) und Sowjetunion (SMAD) sowie durch die nachträglich bestimmte vierte Siegermacht Frankreich (GMZFO) eingesetzt wurden und denen ein alliierter Militärgouverneur für die jeweilige Besatzungszone vorstand.

Auf der Gipfelkonferenz von Potsdam bestimmten die drei Mächte gemeinsame Richtlinien für ihre zukünftige Politik. Sie setzten ihre Schwerpunkte auf Abrüstung, Entnazifizierung und Aufbau einer neuen politischen Ordnung in Deutschland. 1947 bildeten die Amerikaner und die Briten eine Bizone, die wenige Zeit später zur Trizone (mit der französischen Zone) erweitert wurde. Dieses Gebilde sollte den wirtschaftlichen Aufbau und die Entwicklung Deutschlands regeln.

Österreich (1945–1955) Bearbeiten

Nach 1945 wurde in Österreich in vier Besatzungszonen geteilt und war bis zur Unterzeichnung des österreichischer Staatsvertrag und dem Abzug der Truppen bis 1955 von Befreiern besetzt.[1]

Japan (1945–1952) Bearbeiten

Das Ende des Zweiten Weltkrieges (Unterzeichnung der Kapitulation an Bord der USS Missouri am 2. September 1945) führte für Japan zur Besetzung durch US-amerikanische und sowjetische Truppen. Das Ende der Besatzung durch die Amerikaner folgte nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages von San Franzisko im Jahre 1952. Die Sowjetunion verweigerte dies, und so blieben die Gebiete auf Sachalin und den Kurilen Teil Russlands.

Weitere Beispiele für Militärregierungen Bearbeiten

Siehe auch Bearbeiten

Einzelnachweise Bearbeiten

  1. http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.b/b397245.htm
  2. http://www.tagesschau.de/ausland/mali132.html

Weblinks Bearbeiten

Literatur Bearbeiten

  • Gabriel A. Almond, G. Bingham Powell, Robert J. Mundt (Hrsg.): Comparative Politics. A theoretical framework. HarperCollins, New York 1993, ISBN 0-673-52282-2.
  • Raymond D. Duvall, Michael Stohl: Governance by Terror. In: Michael Stohl (Hrsg.): The Politics of Terrorism (= Public administration and public policy 18). 2nd edition, revised and expanded. Dekker, New York [u. a.] 1983, ISBN 0-8247-1908-5, S. 179–219.
  • Samuel P. Huntington: The third wave. Democratization in the late Twentieth Century (= The Julian J. Rothbaum distinguished lecture Series 4). University of Oklahoma Press, Norman OK 1991, ISBN 0-8061-2346-X.
  • Morris Janowitz, Roger W. Little: Militär und Gesellschaft (= Praxeologie 1, ZDB-ID 537175-2). Boldt, Boppard am Rhein 1965.
  • Hans Werner Tobler, Peter Waldmann (Hrsg.): Staatliche und parastaatliche Gewalt in Lateinamerika (= Iberoamericana. Editionen der Ibero-Americana. Reihe 5: Monographien und Aufsätze 31). Vervuert, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-89354-831-9.