Reformation

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Die Konfessionen in Zentraleuropa um 1618

Reformation (von lat. reformatio „Wiederherstellung, Erneuerung“) bezeichnet im engeren Sinn eine kirchliche Erneuerungsbewegung zwischen 1517 und 1648, die zur Spaltung des westlichen Christentums in verschiedene Konfessionen (katholisch, lutherisch, reformiert) führte.

Die Reformation wurde in Deutschland überwiegend von Martin Luther, in der Schweiz von Huldrych Zwingli und Johannes Calvin angestoßen. Ihr Beginn wird allgemein auf 1517 datiert, als Martin Luther seine 95 Thesen auf die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben soll, aber ihre Ursachen und Vorläufer reichen weiter zurück. Als Abschluss wird allgemein der Westfälische Frieden 1648 betrachtet.[1]

Anfänglich war die Bewegung ein Versuch, die römisch-katholische Kirche zu reformieren. Viele Katholiken in West- und Mitteleuropa waren beunruhigt durch das, was sie als falsche Lehren und Missbrauch innerhalb der Kirche ansahen, besonders in Bezug auf die Ablassbriefe. Ein weiterer Kritikpunkt war die Käuflichkeit kirchlicher Ämter (Simonie), die den gesamten Klerus in den Verdacht der Korruption brachte.

Die Reformbewegung spaltete sich aufgrund unterschiedlicher Lehren in verschiedene protestantische Kirchen auf. Die wichtigsten Konfessionen, die aus der Reformation hervorgingen, sind die Lutheraner und die Reformierten (darunter Calvinisten, Zwinglianer und Presbyterianer). Hinzu kommen die radikal-reformatorischen Täufer. In Ländern außerhalb Deutschlands verlief die Reformation zum Teil ganz anders. So entstand in England der Anglikanismus. In Ländern, die der römischen Kirche treu blieben, kamen manche Anliegen der Reformation in der Gegenreformation und der katholischen Reform zum Ausdruck.

Voraussetzungen

Dass die Reformation gerade in Deutschland begann und einen so durchschlagenden Erfolg hatte, lässt sich durch mehrere Faktoren erklären.

Humanismus

Erasmus von Rotterdam

Der Humanismus war eine seit dem 14. Jahrhundert aus Italien ausstrahlende Bildungsbewegung, die für eine Wiederbelebung der antiken Gelehrsamkeit eintrat. Gemäß ihrem Prinzip Ad fontes („Zu den Quellen“) widmeten sich die Humanisten dem Studium antiker Autoren und entwickelten daraus eine kritische Haltung gegenüber der Gegenwart. Der Humanismus wirkte auf die Universitäten dieser Zeit und prägte viele spätere Reformatoren. Besonders die intensive Lektüre der Bibel und der Kirchenväter fand später ihre Entsprechung im reformatorischen Schriftprinzip.

Buchdruck

Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern Mitte des 15. Jahrhunderts löste eine regelrechte Medienrevolution aus. Die Reformatoren nutzten das neue Massenmedium, um ihre Schriften zu verbreiten.

Soziale und wirtschaftliche Faktoren

Das 16. Jahrhundert war geprägt von tiefen gesellschaftlichen Umwandlungsprozessen. Ein Grund war die zunehmende Bedeutung der Städte. Durch Handel hatte sich in den Städten eine Bürgerschicht gebildet, die über beträchtliche Finanzkraft verfügte. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Frühkapitalismus. Die Patrizier in den Städten (z. B. die Fugger in Augsburg) übertrafen in ihrer Wirtschaftskraft oft den landsässigen Adel, der sich in der Landwirtschaft betätigte. Die Landwirtschaft beruhte auf der Arbeit der Bauern, die den Großteil der Bevölkerung bildeten. Sie lebten meistens am Existenzminimum und litten unter Steuern, Abgaben, Frondiensten und Leibeigenschaft. Hinzu kam, dass durch den stetigen Zustrom von Edelmetallen aus den spanischen Kolonien in Amerika der Geldwert sank (Inflation). Die Kaufkraft der Bevölkerung sank zum Teil dramatisch, so dass Wirtschaftshistoriker von der „Preisrevolution“ sprechen. Darüber hinaus wuchs die Bevölkerung. Man nimmt an, dass zwischen 1500 und 1600 die Bevölkerung des Reichs von 12 auf 15 Millionen anstieg. Durch den Bevölkerungszuwachs verteuerten sich die Nahrungsmittel, während Arbeitskräfte billiger wurden. Diese sozial und wirtschaftlich prekäre Lage führte seit dem Ende des 15. Jahrhunderts immer wieder zu Aufständen, die im Deutschen Bauernkrieg 1525 gipfelten.

Politische Faktoren

Reichsverfassung

Kaiser Karl V.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation bestand aus vielen Einzelterritorien, war also kein zentralisierter Staat wie England oder Frankreich. Der Kaiser als höchste Instanz im Reich wurde von den Kurfürsten gewählt, musste ihnen aber in der sogenannten Wahlkapitulation die Wahrung ihrer territorialen Rechte zugestehen. Das höchste gesetzgebende Organ des Reiches waren die Reichstage, die vom Kaiser, meist wenn dieser Geld brauchte, einberufen wurden. Der Kaiser konnte Gesetze nicht allein verabschieden, sondern benötigte die Zustimmung des Reichstages, auf dem die Kurfürsten, der Hochadel im Reichsfürstenrat und die Reichsstädte stimmberechtigt waren. Aus diesem Grund spricht man vom Dualismus zwischen Kaiser und Reichsständen. Dies war ein wesentlicher Faktor bei der Ausbreitung der Reformation. Aufgrund der fehlenden Zentralinstanz im Reich entschied sich das Schicksal der Reformation auf territorialer Ebene. Dies führte zu einer konfessionellen Fragmentierung des Reiches, die der Kaiser verhindern wollte, es aber wegen seiner fehlenden Macht nicht konnte. Ein weiterer Grund war, dass sich Karl V. in den ersten Jahren nach Luthers Thesenveröffentlichung selten im Reich aufhielt und mit Kriegen gegen Frankreich und das Osmanische Reich beschäftigt war, so dass er sich wenig um die Angelegenheiten im Reich kümmern konnte. Außerdem lag die Einführung der Reformation oft im Interesse der einzelnen Landesfürsten, die sich dadurch von Kaiser und Papst emanzipieren konnten.

Politische Situation in Europa

Zu den verfassungsmäßigen Problemen im Reich kam die politische Situation in Europa. Diese war in erster Linie geprägt durch den Gegensatz von Habsburg und Frankreich. Kaiser Karl V. und der französische König Franz I. führten zwischen 1521 und 1544 mit nur kurzen Unterbrechungen drei Italienkriege um die Vormachtstellung in Oberitalien und die Herrschaft über die burgundischen Erblande, auf die beide Anspruch erhoben. Das Habsburgerreich erstreckte sich über das Reich in Zentraleuropa, Spanien (mit Süditalien) und die spanischen Kolonien in der Neuen Welt. Frankreich war von zwei habsburgischen Territorien umklammert. Das Ziel Karls V. war die Verbindung des Reiches mit Spanien durch die Annexion Südfrankreichs. Franz I. wollte dies um jeden Preis verhindern. Auch der Papst fürchtete eine Übermacht der Habsburger und verbündete sich zeitweise mit dem französischen König.

Hinzu kam die dauernde Türkengefahr im Südosten Europas. 1526 hatten die Osmanen in der Schlacht von Mohács die Ungarn besiegt und belagerten 1529 Wien, das zu den habsburgischen Erblanden gehörte. Der Kaiser war gezwungen, Geld und Truppen aufzubringen, um dieser Gefahr zu begegnen. Dazu benötigte er die Zustimmung der Reichsstände, was seine Position im Reich schwächte.

Aufgrund der zahlreichen Verpflichtungen außerhalb des Reichs befand sich Karl V. 1521–1530 und 1532–1541 im Ausland. In dieser Zeit konnte sich die Reformation im Reich ausbreiten.

Religiöse Faktoren

Mystik und Devotio moderna

Im Gegensatz zur Scholastik, welche die Welt zerlegen und rational durchdringen wollte, strebte die Mystik einen ganzheitlichen Zugang an. Zentrale Vorstellungen der Mystik sind die Leerwerdung, das Loslassen von Begierden und Leidenschaften, damit sich der Geist Gottes im Menschen ausbreiten kann. Nicht die theologische Spekulation, sondern die individuelle praktische Erfahrung war das Ziel der Mystiker. Zum einen gab es die zisterziensisch geprägte „romanische Mystik“, die vor allem von Bernhard von Clairvaux geprägt wurde und welche eine Einswerdung mit Christus (unio cum Christo) sowie eine Hineinversenkung in sein Leiden zum Ziel hatte. Davon unterscheidet man die dominikanisch geprägte „deutsche Mystik“, deren Hauptvertreter Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse waren. Taulers Predigten und die ihm fälschlicherweise zugeschriebene Schrift Theologia deutsch übten großen Einfluss auf Luther aus.

Die Reformbewegung Devotio moderna („moderne Frömmigkeit“) geht auf den niederländischen Theologen und Bußprediger Geert Groote zurück. Sie war vor allem in den Niederlanden und im Nordwesten des Reiches verbreitet. Sie verband mystische Einflüsse mit einer stark ethisch und praktisch ausgerichteten Frömmigkeit. Das Idealbild der Brüder vom gemeinsamen Leben, die in klosterähnlichen Gemeinschaften ohne Ordensgelübde zusammenlebten, war die christliche Urgemeinde. Die Devotio moderna übte großen Einfluss auf den „Humanistenfürsten“ Erasmus von Rotterdam aus. Als Hauptwerk der Devotio moderna gilt De imitatione Christi („Von der Nachfolge Christi“) von Thomas von Kempen, eines der meistgelesenen Bücher des Spätmittelalters. Es betont die unmittelbare Beziehung des Gläubigen mit Gott, ein Gedanke, der später von den Reformatoren stark hervorgehoben wurde.

Spätmittelalterliche Frömmigkeit

Totentanz (1493)
Das Jüngste Gericht von Hans Memling (um 1470)

Durch die großen Pest-Epidemien im Hoch- und Spätmittelalter, die ganze Landstriche entvölkert hatten, aber auch durch die hohe Säuglingssterblichkeit war der Tod für die Menschen allgegenwärtig. Dieses fand künstlerischen Ausdruck in den „Totentänzen“. Die Angst vor dem Tod ging einher mit der Angst vor dem individuellen Gericht direkt nach dem Tod (Partikulargericht) und vor dem Jüngsten Gericht in der Endzeit. Im Bewusstsein ihrer Sündhaftigkeit dürsteten die Menschen nach Dingen, die sie ihres jenseitigen Heils versicherten. Dazu gehörten fromme Stiftungen, Seelenmessen, Wallfahrten, Prozessionen und der Erwerb von Ablassbriefen, durch die die Zeit im Fegefeuer verkürzt werden sollte. All diese Leistungen konnten gegen Geld von der Kirche erworben werden – eine „Fiskalisierung“ der Religion. Die starke Verinnerlichung der Frömmigkeit ging einher mit einer starken Veräußerlichung. Die spätmittelalterliche Frömmigkeit ist im Wesentlichen eine Sakramentsfrömmigkeit mit magischen Elementen.

Antiklerikalismus

Der Durst der Menschen nach Heil kontrastierte scharf mit der kirchlichen Wirklichkeit. Nachdem mehrere Päpste Anspruch auf die Nachfolge Petri erhoben und sich gegenseitig exkommuniziert hatten (Abendländisches Schisma), war die Bedeutung des Papsttums für die Gläubigen relativiert worden. Dennoch konnte der Papst den innerkirchlichen Streit um die Kirchenreform gegen die Vertreter der Konziliarismus für sich entscheiden. Da er den Kirchenstaat wie ein weltlicher Herrscher regierte, hatte er kein Interesse, seine Macht durch Konzilien einschränken zu lassen. Für seine Hofhaltung, die der italienischer Fürsten glich, benötigte der Papst Geld, welches er durch den Zehnten und die oben genannten Dienstleistungen eintreiben ließ. Verantwortlich dafür waren die Pfarrer vor Ort, die meist schlecht ausgebildet und selbst völlig unterbezahlt waren. Da sie selbst von Abgaben befreit waren, sonst aber meist wie Laien lebten, oft auch verheiratet, schürte dies den Antiklerikalismus im Volk. Der hohe Klerus hingegen bestand meist aus Mitgliedern adliger Familien, die ihre kirchlichem Ämter vor allem wegen der damit verbundenen Pfründen innehatten. Ämterkauf war ein gängiges Phänomen, ebenso wie die Vergabe lukrativer Ämter an Verwandte (Nepotismus). Ihre Ämter übten hohe Kleriker oft nicht selbst aus, sondern gaben die seelsorgerlichen Verpflichtungen an einen weniger gut bezahlten Kleriker ab. So konnten sie sich einem bequemen Leben widmen, oft auch im Konkubinat.

Dieses Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit der „Heilsanstalt“ Kirche sowie die weitgehende Verweltlichung des Klerus förderten die antikirchliche Stimmung im Volk.

Reformbewegungen

John Wyclif

Schon vor dem eigentlichen Beginn der Reformation gab es innerkirchliche Reformbemühungen. Der Pfarrer John Wyclif, der im 14. Jahrhundert in England wirkte, gilt als „Vorläufer der Reformation“. Zunächst Lehrer in Oxford, übernahm er 1374 eine Pfarrei in Lutterworth. Zu diesem Zeitpunkt herrschte in England wegen der Steuern, die an Rom abzuführen waren, eine stark antipäpstliche Stimmung. Wyclif vertrat unter Berufung auf die Bibel ein kirchliches Reformprogramm und kritisierte offen die Missstände im Klerus. Er lehnte Bilder-, Heiligen- und Reliquienkult sowie Zölibat und Transsubstantiationslehre ab. Für seine Reformvorschläge erhielt er zunächst Unterstützung vom englischen König, der um eine größere Autonomie der Kirche in England bemüht war. Nachdem der Papst einen Prozess gegen Wyclif eingeleitet hatte, bezeichnete dieser ihn als „Antichrist“. Durch den Einfluss der Orden wurden Wyclifs Lehren von der Universität und der Synode als häretisch verurteilt, Wyclif selbst aber aus Angst vor einem Volksaufstand nicht angeklagt. Erst das Konstanzer Konzil verurteilte ihn 1415 zum Ketzer und ließ seine Gebeine posthum verbrennen. Seine Ideen lebten in der Bewegung der Lollarden weiter.

Jan Hus

Ausdrücklich auf Wyclif berief sich Jan Hus, der an der Universität in Prag mit Gedankengut von Wyclif in Berührung kam, das über tschechische Studenten aus Oxford in die Stadt gelangt war. Hus studierte Theologie und wurde Professor an der Universität. Er kritisierte offen die Habsucht und Verweltlichung des Klerus und plädierte für eine grundlegende Reform auf der Grundlage der Bibel. Außerdem erkannte er den Papst nicht als höchste Autorität in Glaubensdingen an. Hus’ Kritik stieß zur Beunruhigung der Kirche in der Bevölkerung auf großen Zuspruch. 1408 wurde er seines Amtes enthoben und 1411 exkommuniziert, woraufhin in Prag Unruhen ausbrachen. Hus wirkte als Wanderprediger weiter und entwarf eine Lehre von der Kirche als hierarchiefreie Gemeinde unter dem Haupt Christus. 1414 wurde Hus vor das Konstanzer Konzil geladen, wo er seine Aussagen widerrufen sollte. Entgegen der Zusage freien Geleits durch König Sigismund wurde Hus 1415 als Ketzer verbrannt. In der Folge bildeten sich zahlreiche Strömungen, die sich direkt auf Jan Hus bezogen und daher Hussiten genannt wurden. Von 1419 bis 1436 kam es in Böhmen zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen diesen Gruppen und dem böhmischen König (Hussitenkriege).

Zahlreiche von John Wyclif und Jan Hus formulierte Kritikpunkte und Vorschläge wurden von den Reformatoren aufgenommen und weiterentwickelt.

Luthertum in Deutschland

Frühphase (1517–1519)

Reformatorischer Durchbruch

Martin Luther

Martin Luther war 1505 als Mönch in den Orden der Augustiner-Eremiten eingetreten. Seit 1512 arbeitete Luther als Professor an der Universität Wittenberg und hielt Vorlesungen über die Bücher der Bibel. Die Auslegung des Römerbriefs und die intensive Beschäftigung mit der paulinischen Theologie beeinflussten sein Denken zutiefst. Luther hatte bis dahin immer am Bewusstsein seiner Sündhaftigkeit und des drohenden Gerichts gelitten. Der Begriff der „Gerechtigkeit Gottes“ war ihm zutiefst verhasst. Seinem damaligen Gerechtigkeitsbegriff lag die Vorstellung der iusititia distributiva („verteilende Gerechtigkeit“) zugrunde. Nach dieser Gerechtigkeitskonzeption bekommt jeder das, was ihm zusteht (suum cuique – jedem das Seine). Durch die Beschäftigung mit der paulinischen Rechtfertigungslehre erschloss sich Luther ein neues Verständnis der Gerechtigkeit Gottes, die er nun als iustitia passiva verstand: „Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte wird aus Glauben leben.‘“ (Röm 1,17 LUT). Gott ist gerecht, indem er gerecht macht. Der Sünder kann seine Rechtfertigung also nicht durch Werke verdienen, sondern nur im Glauben von Gott gerechtfertigt werden.

Der Zeitpunkt des reformatorischen Durchbruchs ist in der Forschung umstritten. Im Anschluss an eine Tischrede Luthers wurde die reformatorische Entdeckung oft als plötzliche Erkenntnis („Turmerlebnis“) dargestellt. In der heutigen Forschung geht man eher von einem graduellen Erkenntnisprozess von 1514 bis 1518 aus.

Auslöser

Albrecht von Brandenburg

Ein konkreter politischer Anlass für die Reformation war das Vorgehen von Albrecht von Brandenburg, der bereits Erzbischof von Magdeburg war, auch Erzbischof von Mainz und damit Kurfürst zu werden. Da eine solche Ämterhäufung gegen das kanonische Recht verstieß, musste Albrecht von Papst Leo X. eine Sondergenehmigung (Dispens) käuflich erwerben. Darüber hinaus waren vom Mainzer Domkapitel Palliengelder für die Wahl des neuen Bischofs an den Papst zu entrichten. Da die finanziellen Mittel des Domkapitels erschöpft waren, musste Albrecht einen Weg finden, um das erforderliche Geld zu beschaffen.

Im Zuge des Neubaus des Petersdoms, den Papst Julius II. angestrengt hatte, waren dessen Nachfolger in ständiger Geldnot. Papst Leo X. hatte aus diesem Grund den sogenannten Petersablass eingeführt. Die Abmachung des Papstes mit Albrecht von Brandenburg sah vor, dass dieser sich das Geld bei den Fuggern leihen und an den Papst zahlen sollte. Im Gegenzug erhielt Albrecht von Brandenburg für acht Jahre das Recht, in seinen Territorien den Petersablass einsammeln zu lassen. Die Hälfte des Geldes ging an Rom, die andere Hälfte verblieb bei Albrecht, der damit seine Schulden bei den Fuggern bezahlen konnte.

So kam es, dass seit 1517 der Dominikanermönch Johann Tetzel durch das Bistum Magdeburg (das Nachbarterritorium von Wittenberg) zog und den Ablass predigte. Auch Gemeindeglieder aus Wittenberg, deren Prediger und Seelsorger Luther war, gingen in die benachbarten Städte, um Ablassbriefe zu erwerben.

Luthers Kritik am Ablasswesen

Luthers 95 Thesen

Luther kritisierte das Ablasswesen, weil die Glaubenden sich dadurch ihres Heils zu Unrecht sicher wähnten. Es komme auf die innere Reue des Christen an, damit ihm Gott die Sünden vergibt. Es bedürfe nicht der sakramentalen Vermittlung, schon gar nicht durch den Verkauf von Ablässen. Aus diesem Grund verfasste Luther auf Latein 95 Thesen gegen den Ablass, welche die Grundlage für eine gelehrte Disputation sein sollten. Er übersandte sie am 31. Oktober 1517 an den Erzbischof von Mainz, von dem er glaubte, er wisse nichts vom Missbrauch des Ablasses. Dieses Datum wird von evangelischen Christen zum Gedenken an den berühmten Thesenanschlag als Reformationstag begangen. Ob Luther seine Thesen tatsächlich an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hat, ist umstritten. Die Thesen wurden entgegen der ursprünglichen Absicht Luthers ins Deutsche übersetzt und verbreiteten sich schnell. Wenige Monate später veröffentlichte Luther im März 1518 die auf Deutsch verfasste Schrift Sermon von dem Ablass und Gnade, in der er seine Kritik am Ablass erläuterte. Im April 1518 nahm Luther am Ordenskapitel in Heidelberg teil, um seine Thesen zu erklären. An der „Heidelberger Disputation“ nahmen viele spätere Reformatoren (wie Philipp Melanchthon, Martin Bucer, Johannes Brenz, Erhard Schnepf und Martin Frecht) teil, die Luthers Kritik an der Werkgerechtigkeit begeistert aufnahmen.

Albrecht von Brandenburg erhielt den Brief mit den 95 Thesen in seiner Sommerresidenz in Mainz und leitete sofort ein kirchenamtliches Verfahren gegen Luther ein. Außerdem beauftragte er die Universität Mainz mit einem Gutachten. Noch bevor das Gutachten vorlag, sandte Albrecht die Angelegenheit nach Rom, um den aufsässigen Mönch aus Wittenberg ruhigzustellen.

Ketzerprozess gegen Luther

Leipziger Disputation 1519

Die Kurie ordnete zunächst eine Voruntersuchung gegen Luther an, in deren Verlauf Silvester Mazzolini mit seiner Schrift De potestate papae dialogus zu dem Ergebnis kam, dass bereits die Kritik an der Praxis des Papstes Häresie sei. Daraufhin wurde Luther im August nach Rom zitiert, was dessen Landesherr Friedrich der Weise aber zu verhindern wusste. Dieser hatte zu jenem Zeitpunkt in seiner Eigenschaft als Kurfürst großen Einfluss, da er über die Wahl des nächsten Kaisers mitbestimmte und der Papst die Wahl Karls V. verhindern wollte und am liebsten ihn als Kaiser gesehen hätte. Als Kompromiss wurde Luther im Oktober 1518 auf dem Reichstag zu Augsburg von Kardinal Cajetan verhört. Dieser sollte Luther zum Widerruf bewegen oder ihn andernfalls mit dem Bann belegen. Luther widerrief seine Kritik am Ablasswesen nicht und bekräftigte seine Auffassung, dass nicht das Sakrament, sondern allein der Glaube rechtfertige. Cajetan forderte daraufhin die Auslieferung Luthers, was Friedrich ablehnte. Luther appellierte an den Papst und glaubte nach wie vor, ihn mit den Belegen aus der Schrift von der Richtigkeit seiner Thesen überzeugen zu können.

Im Juni des folgenden Jahres kam es in Leipzig zur Leipziger Disputation. Die Disputation wurde von der altehrwürdigen Universität Leipzig organisiert, die in der noch jungen, aber durch Luther bereits bekannten Universität Wittenberg eine Konkurrenz sah. Es diskutierten der Theologieprofessor Johannes Eck (als Vertreter der Papstkirche) zunächst mit dem Wittenberger Dozenten Andreas Bodenstein (genannt Karlstadt) und dem jungen Griechischprofessor Melanchthon. Im Verlauf der Disputation übernahm Luther die Wortführung auf der Wittenberger Seite. Eck gelang es, Luther zur Bestreitung der Unfehlbarkeit des Papstes und der Konzilien zu bewegen. Er brachte ihn sogar zu der Aussage, das Konstanzer Konzil habe Artikel des Ketzers Jan Hus verurteilt, obwohl sie gut evangelisch seien. Damit hatte Eck Luther als „den neuen Hus“ entlarvt. Die Leipziger Disputation vergrößerte die Kluft zwischen Luther und der katholischen Kirche. Wer die Disputation nun „gewonnen“ hat, ist unklar. Sowohl Eck als auch Luther sahen sich selbst als Sieger.

Entfaltung des reformatorischen Programms (1520)

Die reformatorischen Hauptschriften

An den christlichen Adel deutscher Nation

Das Jahr 1520 stellt einen Wendepunkt in der reformatorischen Bewegung dar. Mit den drei sogenannten reformatorischen Hauptschriften entwickelte Luther ein theologisches Programm, das die Grundlage des späteren Luthertums bildet. In der ersten Hauptschrift An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung forderte er die weltliche Obrigkeit auf, angesichts der innerkirchlichen Reformunfähigkeit die Kirchenreform selbst in die Hand zu nehmen. Er unterbreitete ein sozial-politisches Reformprogramm, das ein staatliches Bildungswesen, Armenfürsorge sowie die Abschaffung von Zölibat und Kirchenstaat vorsah. In der Schrift formulierte er außerdem die Lehre vom Priestertum aller Getauften, mit der er die traditionelle Hierarchie zwischen Klerikern und Laien abschaffen wollte. Den päpstlichen Anspruch, dass allein das päpstliche Lehramt zur verbindlichen Auslegung der Schrift befugt sei, lehnte Luther ab. Darüber hinaus kritisierte er die Fiskalisierung der Kirche, was ihm gerade im niederen Adel und bei den Reichsrittern große Sympathien einbrachte. Die Schrift wurde ein publizistischer Erfolg.

Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche

In der lateinisch verfassten zweiten Hauptschrift De captivitate Babylonica ecclesiae (Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche), die für ein akademisches Publikum bestimmt war, kritisierte Luther die katholische Sakramentenlehre. Unter Berufung auf die Schrift reduzierte er die Siebenzahl der Sakramente auf drei (Taufe, Abendmahl, Buße). Er kritisierte die katholische Konkomitanz-Lehre, der zufolge beim Genuss der geweihten Hostie der Wein „mitgetrunken“ wird, und forderte den Laienkelch. Er kritisierte außerdem die Transsubstantiations- und die Messopfer-Lehre.

In der dritten reformatorischen Hauptschrift Von der Freiheit eines Christenmenschen thematisiert Luther die evangelische Freiheit. In Anlehnung an die Zwei-Naturen-Lehre lebe ein Christ immer in zweifacher Hinsicht: Im Blick auf Gott (coram Deo) und im Blick auf die Welt (coram mundo). Im Blick auf Gott, der den Sünder allein durch Gnade rechtfertigt, ist der Mensch von Werken frei. Im Blick auf die Welt hingegen muss sich der Glaube bewähren und in guten Werken manifestieren. Der Christ ist gleichzeitig gerechtfertigt, nämlich im Hinblick auf Gott, und Sünder, nämlich im Hinblick auf die Welt (simul iustus et peccator). Hier klingt Luthers Zwei-Reiche-Lehre an. Danach existiert jeder Christ in zwei Bereichen („Regimentern“), dem weltlichen, in dem das „Gesetz des Schwertes“ gilt, und dem geistlichen, in dem das göttliche Wort gilt. Diese Konstruktion diente dazu, trotz des biblischen Liebesgebots Gewaltanwendung durch die Obrigkeit zur Wahrung des Friedens und der Ordnung zu legitimieren.

Grundlagen reformatorischer Theologie

Die wesentlichen Punkte der Reformation, die auch heute noch gemeinsamer Nenner der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen sind, werden oft mit den sogenannten Exklusivpartikeln, den vier soli (lat. solus „allein“), zum Ausdruck gebracht:

  • sola gratia: Allein durch die Gnade Gottes wird der glaubende Mensch errettet, nicht durch seine Werke.
  • sola fide: Allein durch den Glauben wird der Mensch gerechtfertigt, nicht durch gute Werke.
  • sola scriptura: Allein die Schrift ist die Grundlage des christlichen Glaubens, nicht die kirchliche Tradition.
  • solus Christus: Allein die Person, das Wirken und die Lehre Jesu Christi können Grundlage für den Glauben und die Errettung des Menschen sein.

Die Exklusivpartikel formulieren einprägsam die zentralen reformatorischen Lehren (Rechtfertigung und Schriftprinzip), von denen her alle anderen theologischen Lehrstücke bestimmt werden.

Bann und Wormser Reichstag

Luther auf dem Wormser Reichstag 1521

Nach der Wahl Karls V. zum Kaiser war der Prozess gegen Luther fortgesetzt worden. Am 15. Juni 1520 drohte der Papst Luther mit der Bulle Exsurge Domine den Kirchenbann an. Binnen 60 Tagen sollte Luther zum Widerruf gezwungen werden. Am Tage des Ablaufs der Frist verbrannte Luther öffentlichkeitswirksam die Bannandrohungsbulle und das kanonische Recht. Der Papst, den Luther nun als Antichrist beschimpfte, reagierte am 3. Januar 1521, indem er Luther mit der Bulle Decet Romanum Pontificem exkommunizierte. Nach dem Reichsrecht folgte auf eine Exkommunikation die Verhängung der Reichsacht über den Gebannten. Durch zähes Verhandeln erreichte Luthers Landesherr Friedrich der Weise, dass dieser trotz des Kirchenbanns auf dem Wormser Reichstag durch den Kaiser verhört wurde. Gegen den Einspruch des Papstes empfing Karl V. Luther am 17. April 1521 in Worms. Luther wurde gefragt, ob er sich zu seinen Schriften bekenne und ob er zum Widerruf bereit sei. Nach einem Tag Bedenkzeit bekannte er sich zu seinen Schriften, lehnte den Widerruf aber ab, solange er nicht durch die Heilige Schrift widerlegt sei. Gegen die Autorität des Papstes und der Konzilien berief sich Luther, gemäß dem reformatorischen Schriftprinzip, allein auf die Autorität der Schrift. Besonders seine historisch nicht belegten Worte „Hier stehe ich. Gott helfe mir. Ich kann nicht anders“ prägten das geschichtswirksame Lutherbild als den Begründer der Gewissensfreiheit. Im Reichstagsabschied vom 30. April 1521 wurde die Reichsacht über ihn verhängt und Luther für vogelfrei erklärt (Wormser Edikt). Da ihm der Kaiser freies Geleit zugesagt hatte, gewährte man ihm 21 Tage Frist, während der er sich in Sicherheit bringen sollte. Auf dem Rückweg nach Sachsen wurde er im Thüringer Wald in einem Scheinüberfall von sächsischen Soldaten entführt und auf die Wartburg gebracht.

Aufbau eines evangelischen Gemeindelebens (1522–1524)

Luther auf der Wartburg

Die Wartburg bei Eisenach

Von Mai 1521 bis März 1522 hielt sich Luther, als „Junker Jörg“ getarnt, auf der Wartburg auf. Er nutzte die Zeit intensiv und schuf die Grundlagen für ein evangelisches Gemeindeleben. In seinen Auslegungen des Magnificat beschäftigte sich Luther mit der Frage, wie Evangelische mit der Marienfrömmigkeit umgehen sollten. Durch seine Predigten, die in gedruckter Form verschickt wurden (Predigtpostillen), schuf er der meist schlechten Ausbildung der Prediger Abhilfe. So entstand allmählich eine evangelische Predigtkultur. In seiner Schrift De votis monasticis („Von den Mönchsgelübden“) legte er dar, dass die Mönchsgelübde im Widerspruch zur Heiligen Schrift stehen, da sie auf Werkgerechtigkeit beruhen. Der Rückzug aus der Welt widerspreche dem Auftrag des Christen, auch im weltlichen Bereich zu leben, dort seinem Beruf nachzukommen und eine Familie zu gründen. Nach der Veröffentlichung dieser Schrift kam es zu Klosteraustritten, die im Reich zunächst noch strafrechtlich verfolgt wurden.

Bibelübersetzung

Vollständige Lutherbibel von 1534

Luthers bedeutendste Leistung war die Übersetzung des Neuen Testaments aus dem von Erasmus herausgegebenen griechischen Urtext. Die zeitgenössischen Bibelübersetzungen fußten auf der Vulgata, der lateinischen Übersetzung des griechischen Urtextes. Bei seiner Übersetzung bediente sich Luther einer volkstümlichen und verständlichen Sprache, die für lange Zeit nicht nur zum Maßstab deutscher Bibelübersetzungen wurde, sondern auch maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung einer standarddeutschen Hoch- und Schriftsprache hatte. Zahlreiche Wortschöpfungen Luthers sind bis heute Teil der deutschen Sprache: „Blutgeld“, „friedfertig“, „Nächstenliebe“.[2] Die erste Ausgabe des Neuen Testaments erschien im September 1522 („Septembertestament“). Das Alte Testament übersetzte Luther, wegen der schwierigen Sprache von anderen Gelehrten unterstützt, schrittweise bis 1534.

Unruhen in Wittenberg

Hauptartikel: Wittenberger Bewegung

Während sich Luther auf der Wartburg befand, kam es in Wittenberg zu einer Radikalisierung der Reformation. Vielen gingen die Reformen nicht weit genug. Besonders die Messe, der Zölibat der Priester und die Mönchsgelübde wurden kritisiert. Im Frühjahr 1521 heiratete der erste Priester, und Mönche traten aus ihren Orden aus. Besonders Luthers Ordensbruder Gabriel Zwilling tat sich als radikaler Reformer des Mönchtums hervor. Im Herbst 1521 kam es zu Aktionen gegen die Messe. Wendepunkt war der Weihnachtsabend 1521, an dem Andreas Bodenstein demonstrativ einen evangelischen Gottesdienst in weltlicher Kleidung und in deutscher Sprache feierte. Das Abendmahl wurde ohne Opfergebet und vorherige Beichte unter beiderlei Gestalt gereicht. Im Februar 1522 kam es in Wittenberg zum Bildersturm. Anlass war Bodensteins Schrift Von der Abtuung der Bilder, in der er die Abschaffung der Bilder in den Kirchen forderte. Bestärkt wurde er durch die täuferisch gesinnten Zwickauer Propheten (Nikolaus Storch, Thomas Drechsel, Markus Thomae), die im Dezember 1521 nach Wittenberg geflohen waren. Luther verließ im März 1522 auf Bitten des Stadtrats die Wartburg und kehrte nach Wittenberg zurück. Dort hielt er im Mönchsgewand seine berühmten Invokavitpredigten, in denen er die Wiederherstellung des alten Gottesdienstes zur „Schonung der Schwachen“ forderte. Er wollte die Bevölkerung durch zu radikale Reformen nicht verunsichern. Außerdem betonte er, jeglicher Aufruhr sei von Gott verboten. Es kam zum Bruch mit Bodenstein, der daraufhin Wittenberg verließ und Pfarrer in Orlamünde wurde. Auf Drängen Luthers wurde er 1524 aus Kursachsen ausgewiesen und führte ein unstetes Wanderleben, bis er 1534 eine Anstellung als Prediger und Professor in Basel fand, die er bis zu seinem Tod 1541 ausübte.

Kritik an bestehenden Traditionen

Luther unterzog die Traditionen der Kirche einer strengen Überprüfung. Messlatte war der Text der Bibel. Traditionen, die nach seiner Meinung der Schrift zuwiderliefen, wurden abgeschafft. Er trat aber dafür ein, Traditionen beizubehalten, die nicht direkt auf der Bibel fußten, aber hilfreich für das Leben der Gläubigen waren. So sprach sich Luther aus didaktischen Gründen gegen ein Bilderverbot in der Kirche aus und behielt die äußeren Formen des Gottesdienstes bei (vgl. Deutsche Messe (Gottesdienst)).

Die massive Kritik am Papsttum hatte diese lutherische Auffassung mit der Haltung der Reformierten gemeinsam. Zugrunde liegt wieder ein theologisches Problem: Die Sonderstellung des römischen Bischofs wird traditionell begründet mit Mt 16,18 EU („Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“.) Christus bezeichnet Petrus als Fundament der Kirche. Petrus wird später Bischof von Rom. Das wird als Einsetzung des Papstes durch Christus ausgelegt. Dieser wiederum hat stellvertretend für Christus die Vollmacht, weitere Priester zu ernennen. Dem stellt Luther Mt 18,19 LUT gegenüber, wo die Gemeinde Christi als Versammlung von mindestens zwei Menschen unter dem Namen Christi definiert wird. In Verbindung mit Kapitel 12 des 1. Korintherbriefs wird die Vorstellung vom Laienpriestertum entwickelt. Der Pfarrer ist dann nicht mehr Nachfolger des von Christus eingesetzten Petrus, sondern das Glied der Gemeinde, das es am besten versteht, die Aufgaben des Pfarrers, wie Predigt und Seelsorge, wahrzunehmen. Dieses Gemeindemitglied hat seine Sonderstellung nicht aufgrund seiner Weihe, sondern aufgrund seiner Ausbildung.

Neue Gottesdienstordnungen

Verschiedene Reformatoren (Thomas Müntzer, auch Andreas Bodenstein und später auch Luther) bemühten sich um die Schaffung von Gottesdienstordnungen in der Landessprache. Diese ersetzten in den protestantischen Gebieten rasch die lateinische Messe. Im Zentrum dieser neuen evangelischen Ordnungen standen Schriftlesung und Predigt (Wortgottesdienst). Die deutsche Bibelübersetzung ermöglichte es jedem Gemeindemitglied, die Auslegung des Pfarrers (Predigt) mit dem Wort der Bibel zu vergleichen. Luther und Müntzer blieben mit ihren Vorschlägen eng an der inneren Ordnung der Messe, während andere Reformatoren weiterreichende Änderungen durchführten.

Weitere Entwicklung in Deutschland

„Linker Flügel der Reformation“ / Radikale Reformation

Hauptartikel: Radikale Reformation
Thomas Müntzer
Ausbreitung der Täuferbewegung
Titelseite der Schleitheimer Artikel: Konvergenzerklärung verschiedener Täufergruppen

Die von dem Täuferforscher Heinold Fast als linker Flügel der Reformation und von dem Theologen George Huntston Williams als Radikale Reformation bezeichnete reformatorische Bewegung bietet kein einheitliches Bild. Zwar war allen (wie übrigens auch anderen Reformatoren) eine apokalyptische Welt- und Zeitsicht eigen, jedoch waren die Konsequenzen, die sie daraus zogen, durchaus unterschiedlich.

Zum einen gehörten zu diesem linken Flügel die radikalen Reformatoren, für die hier stellvertretend Thomas Müntzer, der große Gegenspieler Martin Luthers, genannt werden soll. Ihre zentralen Anliegen waren die radikale Reform der Kirche und im Falle Thomas Müntzers auch die (biblisch begründete) revolutionäre Umwälzung der politischen und sozialen Verhältnisse. Hier lagen auch die Wurzeln des Deutschen Bauernkriegs 1524–1526. Dabei kam es auch in Thüringen zur Gründung des Ewigen Rates, der die politischen und sozialen Forderungen der Bauern durchsetzen sollte.

Die kurz nach dem Bauernkrieg im Umfeld der Schweizer Reformation entstandene Täuferbewegung verfolgte die Wiederherstellung der neutestamentlichen Gemeinde Jesu. Die von ihnen ausschließlich praktizierte Gläubigentaufe, die von ihren Gegnern als Wiedertaufe bezeichnet wurde, war nur ein Teil und – genau genommen – Folge ihrer Ekklesiologie. Kirche war für sie die Gemeinde der Gläubigen, in der die sozialen Schranken gefallen waren. Sie praktizierten das Priestertum aller Gläubigen und wählten ihre Ältesten und Diakone auf „demokratische“ Weise. Sie traten für die radikale Trennung von Kirche und Staat ein, forderten Religionsfreiheit nicht nur für sich und verweigerten in weiten Teilen ihrer Bewegung den Eid. Vor allem das machte sie der Obrigkeit verdächtig, die weniger ihre abweichenden theologischen Ansichten als ihre Kritik an der weltlichen Obrigkeit nicht akzeptieren konnte und deshalb zu scharfen Gegenmaßnahmen und Verfolgungen griff. Zu ihnen gehören heute die Mennoniten, die Hutterer und die Amischen.

Ganz anders positionierten sich die „Münsterschen Täufer“, deren Wegbereiter – wenn auch ungewollt – Melchior Hofmann geworden war. Die Münsteraner Täufer zeichneten sich durch einen enthusiastischen und auch gewaltbereiten Chiliasmus aus, der durch die erlittenen Verfolgungen entfacht worden war. Nachdem die reformatorisch-täuferische Partei 1534 die politische Mehrheit im Münsteraner Rat erlangt hatte, wurde die Stadt unter Bischof Franz von Waldeck mit einem Belagerungsring größtenteils eingekesselt. In Folge radikalisierten sich die Münsteraner Täufer zunehmend, die Entwicklung gipfelte in der Etablierung eines „Königreichs von Münster“ und schließlich der Stürmung der Stadt im Sommer 1535. Ihre Führer sahen sich als die entscheidenden Werkzeuge und Wegebahner eines hereinbrechenden Reiches Gottes.

Eine vierte Gruppe innerhalb des „linken Flügels der Reformation“ bildeten die Spiritualisten, die von ihren Gegnern als Schwärmer bezeichnet wurden. Sie waren mit der Täuferbewegung eng verwandt und gingen zum Teil aus ihr hervor. Sie vertraten einen stark verinnerlichten Glauben. Ihr Ziel war es nicht in erster Linie, eine sichtbare und verfasste Kirche zu bilden. Sie legten auch auf die äußeren Zeichen bzw. Sakramente wie Abendmahl und Taufe keinen großen Wert. Sie verstanden sich als eine Art unio mystica. Zu ihren bedeutenden Vertretern gehörten Sebastian Franck und Kaspar Schwenckfeld. Noch heute gibt es Schwenkfeldianer in Nordamerika.

Eine weitere Gruppe der Radikalen Reformation waren die reformatorischen Antitrinitarier für die stellvertretend Michael Servet genannt werden kann. Auch hier gab es teilweise Überschneidungen mit der Täuferbewegung wie im Falle Adam Pastors und der Polnischen Brüder in Polen-Litauen. In Siebenbürgen besteht bis heute die aus der Reformation hervorgegangene Unitarische Kirche.

Sowohl die katholischen als auch die lutherischen und reformierten Obrigkeiten verfolgten die genannten Gruppen mit großer Härte – ohne Ansehen ihrer unterschiedlichen Zielsetzungen und Lehren. In vielen Ländern mussten die Täufer unter Zurücklassung ihrer Habe das Land verlassen, in anderen Fürstentümern wurden sie wegen ihrer Überzeugungen gefangen gesetzt und gefoltert und im Extremfall sogar als Ketzer verbrannt oder ertränkt.

Protestation zu Speyer

Die Gedächtniskirche zur Erinnerung an die Protestation zu Speyer

Auf dem Reichstag zu Speyer 1526 (Speyer I) war das Wormser Edikt teilweise revidiert worden, indem die Ausführung den Reichsständen überlassen wurde. Demnach konnte es jeder Fürst mit der Religion so halten, wie er es vor Kaiser und Gott verantworten könne. Kaiser Karl V. hob diesen Beschluss auf und wollte auf dem folgenden Reichstag in Speyer einen neuen Beschluss in seinem Sinne herbeiführen.

Auf dem Reichstag zu Speyer am 19. April 1529 (Speyer II) traten sechs Fürsten und vierzehn Freie Reichsstädte als Vertreter der protestantischen Minderheit gegen die Verhängung der Reichsacht gegen Luther sowie die Ächtung seiner Schriften und Lehre ein und forderten die ungehinderte Ausbreitung des evangelischen Glaubens. Diese Protestation der Fürsten und Städte gilt als Geburtsstunde des Protestantismus.

Bekenntnisbildung und Konsolidierung

Mit dem Augsburger Reichstag 1530 und dem dort dem Kaiser überreichten Augsburger Bekenntnis trat die Reformation in eine neue Phase ein. Die beiden Lager innerhalb des Protestantismus – Lutheraner einerseits und der Schweizer Flügel andererseits hatten sich spätestens seit dem Marburger Religionsgespräch 1529 positioniert – begannen nun, sich bekenntnismäßig und kirchenrechtlich als Kirchen zu verstehen und zu organisieren: Neben den schon erwähnten Gottesdienstordnungen und Bekenntnisschriften (letztere spielten bis zum Ende des Jahrhunderts eine wichtige Rolle und fanden auf lutherischer Seite 1580 ihren Abschluss im Konkordienbuch) wurden nun neue Kirchenordnungen mithilfe oder sogar auf Anweisung der Landesfürsten und Stadträte verfasst und in Kraft gesetzt. Sie lösen für die protestantischen Kirchen das jahrhundertealte kanonische Recht der mittelalterlichen Kirche ab und sind zugleich sichtbarer Ausdruck des landesherrlichen Kirchenregiments, das in Deutschland im Prinzip bis 1918 in Kraft blieb.

Politische Auswirkungen

Zum theologischen Ringen um die richtige Auslegung der Bibel traten auch bald politische Aspekte hinzu. Die neuen Gedanken gaben den Reichsfürsten eine theologische Begründung, die von Rom auferlegte Abgabenlast reduzieren zu können. Das Entstehen der protestantischen Landeskirchen stärkte ebenfalls die Autonomie der Fürstentümer. Bedeutende protestantische Territorien im Deutschen Reich waren die Landgrafschaft Hessen, die Kurpfalz, das Kurfürstentum Sachsen und das Herzogtum Württemberg.

Es kam in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu verschiedenen Kriegen zwischen Katholiken und Protestanten innerhalb des Reiches (→Schmalkaldischer Krieg) und der Schweiz (→Zweiter Kappelerkrieg), die in Deutschland 1555 mit dem Augsburger Religionsfrieden und in der Schweiz 1531 mit dem Zweiten Landfrieden von Kappel endeten. Bei beiden lief es auf die Lösung „cuius regio, eius religio“ („wessen Land, dessen Glaube“) heraus: In Deutschland bestimmte der jeweilige Fürst bzw. in den Reichsstädten der Magistrat die Konfession des Landes, in den Schweizer Kantonen die jeweiligen Regierungen.

Ausbreitung: Überblick

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts kam eine zweite Generation von Reformatoren zum Zug. In Genf Calvin, in Zürich Heinrich Bullinger, der als Nachfolger von Ulrich Zwingli der Zürcher Kirche vorstand. Deren Beitrag war es, die Reformation theologisch zu konsolidieren – Calvin mit seiner Institutio Christianae Religionis, Bullinger mit dem Zweiten Helvetischen Bekenntnis. Beide übten einen europaweiten Einfluss auf den Protestantismus aus. Aus ihren Lehren gingen die reformierten Kirchen hervor.

Nach dem gewaltsamen Tod William Tyndales gewann Calvin mehr und mehr Einfluss auf die Reformation in England. Er korrespondierte mit Eduard VI. und englischen Theologen. Nach der Gründung englischer Kolonien (ab 1609) in Nordamerika wurden die reformatorischen Kirchen dort zur beherrschenden Macht, insbesondere Kongregationalisten, Baptisten, Presbyterianer, Anglikaner (Episkopalisten), Quäker und Methodisten. Kleinere Gruppen bildeten Lutheraner und Mennoniten.

Schweiz

Die Reformation und die katholische Gegenreformation in der Schweiz fanden zeitlich in einem etwas anderen Rahmen statt als in Deutschland. Als Beginn kann das Wirken Ulrich Zwinglis ab 1519, als Ende der Konfessionalisierung der Zweite Villmergerkrieg 1712 gesehen werden. Auch die Reformation selber nahm in der Schweiz einen anderen Verlauf, weil die Alte Eidgenossenschaft eine andere Sozialstruktur aufwies als das Reich. Bis heute unterscheiden sich die aus der schweizerischen Reformation hervorgehenden evangelisch-reformierten Kirchen von den aus der deutschen Reformation hervorgehenden evangelisch-lutherischen Kirchen. Gemäß dem Charakter der Eidgenossenschaft als Staatenbund ging die Reformation in der Schweiz von verschiedenen Zentren aus und wurde von verschiedenen Reformatoren angeregt. Weltgeschichtlich am bedeutendsten waren die Persönlichkeiten und die Lehren von Johannes Calvin, dem Begründer des Calvinismus, der ab 1536 Genf zum „protestantischen Rom“ machte, von Ulrich Zwingli, der ab 1523 in Zürich wirkte, sowie von Heinrich Bullinger, der 1549 mit Calvin durch den Consensus Tigurinus die Einigung der Zwinglianer und Calvinisten in der Abendmahlsfrage erreichte. Während die lutherische Reformation in ihrem unmittelbaren Wirken auf Deutschland und Nordeuropa beschränkt blieb, wirkte die schweizerische Reformation international über die Niederlande, Großbritannien bis in die USA.

Zwingli und Calvin lehnten konsequent alle Traditionen ab, die nicht in der Bibel begründet sind. Daher haben die reformierten Kirchen nüchterne Gotteshäuser, die höchstens mit Bibelsprüchen dekoriert sind; die Kirchenstruktur ist synodal, presbyterianisch oder kongregationalistisch strukturiert, d.h. ohne Bischofsamt; Zwingli lehnte zeitweilig sogar Instrumentalmusik in der Kirche ab. Das Abendmahl ist für beide eher eine Gedenkfeier. Zwingli und später auch Calvin formten daher gänzlich neue Liturgien.

Auch die reformatorische Täuferbewegung, aus der letztlich die Mennoniten hervorgingen, hat ihre Wurzeln in der Schweiz und breitete sich trotz Verfolgungen von hier aus. Die Täuferbewegung wurde in der Schweiz bis ins 17. Jahrhundert grausam verfolgt.

Frankreich

Anfänge

Franz I.

Um die Zeit, als in Deutschland durch die Thesen Luthers die Reformation begonnen hatte (1517), gab es in Frankreich eine Situation, in der das Luthersche Gedankengut auf fruchtbaren Boden fallen konnte:

Franz I., der Frankreich seit 1515 regierte, hatte zu dieser Zeit die katholische Kirche zunehmend zu einem Verwaltungsorgan des Staates aus- und umgebaut: Seit dem Konkordat von Bologna 1516 hatte er das Recht, die hohen Ämter der französischen Kirche nach eigenem Willen zu besetzen. Er nutzte dies geschickt, um den französischen Hochadel in den entsprechenden Positionen unterzubringen und ihn sich auf diese Weise zu verpflichten. Die Infrastruktur der Kirche war für Franz ebenfalls von Bedeutung: Ihre Präsenz in allen Städten und Dörfern, die hohe Reichweite, die die Pfarrer in ihren Gemeinden erzielen konnten, und die Familienregister, die die Pfarreien führten, waren Elemente, die er für verwaltungstechnische Aufgaben, zum Beispiel die Veröffentlichung von Edikten, einspannen konnte.

Insbesondere in Paris führte diese Verweltlichung zu Widerspruch von humanistischen Kreisen, insbesondere um Erasmus von Rotterdam (Didier Érasme) und Jacques Lefèvre d'Étaples (Jakob Faber). Um 1520 beginnt man, in diesen Zirkeln die Thesen Luthers zu diskutieren, die die heilige Schrift zum Maßstab des Glaubens machen und die Trennung von Staat und Kirche einfordern. Die theologischen Thesen Luthers werden zunächst auch vom Königshaus eher positiv aufgenommen. So waren die Schwester des Königs, Margarete von Angoulême, und der Bischof von Bayonne, Jean du Bellay, sowie dessen Bruder Guillaume Mitglieder der Gruppe um Lefèvre.

Franz I., ohnehin sehr aufgeklärt und aufgeschlossen, zudem wohl noch durch seine Schwester beeinflusst, zeigte sich ebenfalls gegenüber den theologischen Aspekten der beginnenden Reformationsbewegung nicht abgeneigt. So hielt er zum Beispiel über Lefèvre seine schützende Hand, als gegen diesen nach einer Abhandlung über Maria Magdalena ein Prozess wegen Ketzerei angestrengt worden war. Die Reform einer Kirche von innen heraus war, zumindest was die theologischen Deutungen angeht, nichts, was Franz I. hätte fürchten müssen.

Zunächst einmal durfte also in der Zeit etwa um 1520 der reformatorische Gedanke auch in Frankreich Fuß fassen. Von den Humanisten fand er auch rasch seinen Weg ins gehobene Bürgertum, wo die vorhandenen weitreichenden Handelsbeziehungen nicht nur Waren, sondern auch Ideen schnell verbreiten halfen.

Beginnende Verfolgung

Sehr schnell setzte jedoch eine katholische Gegenbewegung ein. Die Amtsträger der Kirche sahen ihre Lehren durch die aufkommende Bewegung gefährdet: 1521 wurde Luther vom Papst exkommuniziert, die Pariser Universität Sorbonne verdammte seine Lehren. Franz I. geriet dadurch zunehmend unter Druck, und zwar aus zwei Gründen:

  • Der erste war innenpolitischer Natur: Nach 1520 wurde schnell deutlich, dass die Reformation eben nicht nur eine theologische Angelegenheit war, die sich in den Studierzimmern der Gelehrten breit machte, sondern dass die Thesen die bestehende klerikale (und eng damit verbunden auch die weltliche) Machtstruktur anzugreifen begannen. Franz konnte kein Interesse daran haben, dass die Reformer jetzt am Stuhl derjenigen Adeligen sägten, denen er gerade kirchliche Ämter, Würden und Einnahmequellen verschafft hatte, und die eine wesentliche Stütze seiner Herrschaft über Frankreich darstellten.
  • Zum zweiten befand sich Franz I. zu dieser Zeit mit den Habsburgern, genauer gesagt, mit dem deutschen Kaiser Karl V. in einem schweren Konflikt. Frankreich war über die Niederlande, Deutschland und Spanien von den Habsburgern in die Zange genommen, in Norditalien befand sich Frankreich im offenen Krieg mit den Habsburgern. Hätte Franz der Reformation in Frankreich freien Lauf gelassen, so hätte er auch noch Rom gegen sich gehabt, und Karl V., der 1521 über Luther die Reichsacht verhängt hatte, wäre – dann von Rom unterstützt – von einer Invasion Frankreichs nicht mehr abzuhalten gewesen. Auch diese außenpolitische Überlegung zwang Franz dazu, sich mehr und mehr vom Protestantismus zu distanzieren.

So kam es zunehmend zu Repressalien gegen die Protestanten, die sich zu einer Verfolgung zumindest des öffentlichen Protestantismus ausweiteten: Die erste Hinrichtung eines französischen Protestanten ist für den 8. August 1523 belegt, als der Augustinermönch Jean Vallière in Paris am Pfahl verbrannt wurde.

Untergrundkirche

Der Protestantismus wurde bis etwa 1530 zunehmend in den Untergrund gedrängt. Ein Teil der Protestanten floh, unter anderem in die reformierten Orte der Schweiz, wo Ulrich Zwingli gerade dabei war, die katholische Kirche komplett zu entmachten. Ins politische Aus gedrängt, traten die Protestanten aus dem Untergrund jedoch zunehmend provokativer auf. Zu den ersten größeren Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten kam es 1534 über die Affaire des Placards, bei der in Paris und vier weiteren Städten antikatholische Plakate angeschlagen wurden. Die Messe der Katholiken wurde darauf als Götzendienst bezeichnet. Verschiedene Marienstatuen wurden verunstaltet. Nachdem die Verantwortlichen für diese Aktion auf den Scheiterhaufen gebracht worden waren, blieb das Verhältnis zwischen beiden Seiten angespannt.

Etwa um 1533 schloss sich Johannes Calvin in Paris dem Protestantismus an. Bis zu dieser Zeit wäre auch er eher als katholischer Humanist denn als Reformierter zu bezeichnen. Nach einer protestantisch gefärbten Rede von Nicolaus Cop, dem Rektor der Universität Paris, die höchstwahrscheinlich unter Beteiligung Calvins entstand, mussten beide aus Paris fliehen.

Doch trotz der Unterdrückung erhielt die Bewegung noch immer Zulauf. Um 1523 bildete sich in Meaux die erste protestantische Gemeinde in Frankreich, 1546 kam es dort zu den ersten Verbrennungen evangelischer Christen, darunter Pierre Leclerc. 1559 fand in Paris die erste Nationalsynode der reformierten Christen Frankreichs statt. Man verabschiedete eine Kirchenordnung und die Confessio Gallicana. 15 Gemeinden schickten ihre Abgesandten; zu der nächsten, die zwei Jahre später stattfand, waren schon etwa 2.000 Gemeinden vertreten. Zu Beginn der 1560er Jahre hatten die reformierten Untergrundkirchen etwa zwei Millionen Anhänger, was ungefähr zehn Prozent der französischen Gesamtbevölkerung entsprach.

Diese reformierten Gemeinden waren jedoch nicht mehr lutherisch geprägt: Die Verfolgung hatte enge Bande der französischen Reformierten zu dem in Genf lebenden Calvin entstehen lassen. Zwischen 1535 und 1560 durchdrang zunehmend der Calvinismus das französische Protestantentum, und der Calvinismus war es, der den Dissidenten Zulauf verschaffte. So kam auch der Name „Hugenotten“ auf.

Hugenottenkriege

Hauptartikel: Hugenottenkriege

1547 starb Franz I., und sein Sohn Heinrich II. bestieg den Thron Frankreichs. Er setzte die Repression gegenüber den Hugenotten unvermindert fort. Etwa um diese Zeit begann das Habsburgerreich in eine Vielzahl von Kleinstaaten zu zerfallen: Kaiser Karl V. bekam die Reformation nicht mehr unter Kontrolle, und der Kompromiss des „Cuius regio, eius religio“ tat ein Übriges zur Spaltung des Kaiserreiches.

Heinrich II. wollte ähnliche Zustände wie in Deutschland in jedem Fall verhindern. Zunehmend hatten sich jetzt auch Adelige den Hugenotten angeschlossen, und eine Übereinkunft nach dem Augsburger Prinzip für Frankreich hätte die unter Franz I. erfolgreich verlaufende Zentralisierung Frankreichs schwer beschädigt. Damit begann endgültig die politische Diskriminierung des Protestantismus in Frankreich.

Eine neue Einrichtung und drei Edikte reichten, um die Hugenotten mehr und mehr zu unterdrücken: Da war erst einmal die Einrichtung der Chambre ardente in Paris, einer Kammer, die die hugenottischen Parlamentsabgeordneten verfolgte. Diese Kammer richtete Heinrich bereits im ersten Jahr seiner Regentschaft ein. Im Juni 1551 wurde dieses Prinzip im Edikt von Châteaubriand dann auch auf die Provinzparlamente ausgedehnt. Das Edikt von Compiègne folgte im Juli 1557: „die Ordnung in irgendeiner Weise störende“ Protestanten wurden der weltlichen Gerichtsbarkeit unterstellt; die Verurteilung wegen Häresie ließ Heinrich noch in den Händen der Kirche. Den Schlusspunkt setzte er dann am 2. Juni 1559 im Edikt von Écouen: Von nun an durften die Gerichte für Häresie nur noch die Todesstrafe verhängen. Kurz nach dem Edikt starb Heinrich.

Gaspard Bouttats: Bartholomäusnacht, Kupferstich

Unter Heinrichs Sohn Franz II. hielt die begonnene Vertreibung an. 1562 überfielen katholische Soldaten bei Vassy Protestanten während eines Gottesdienstes. Die Bartholomäusnacht 23./24. August 1572 in Paris löst erneute zahlreiche Flüchtlingsströme aus. Wichtige protestantische Persönlichkeiten wurden ermordet. Die Zahl der Todesopfer betrug in Paris etwa 3.000 und auf dem Lande zwischen 10.000 und 30.000. Schließlich brachte 1598 das Edikt von Nantes eine zeitweilige Beruhigung der Lage, die jedoch nur bis zur Eroberung von La Rochelle (1628) anhielt. Nach dem Tod Kardinal Mazarins übernahm der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. 1661 die Regierung und leitete eine groß angelegte mit Bekehrungs- und Missionierungsaktionen verbundene systematische Verfolgung der Protestanten ein, die er aufgrund der einsetzenden Flüchtlingswellen 1669 mit einem Emigrationsverbot verband und die schließlich in den berüchtigten Dragonaden 1681 ihren Höhepunkt fanden. Trotz Verbotes verließen im Laufe von etwa fünfzig Jahren ca. 200.000 Flüchtlinge ihre Heimat.

Im Edikt von Fontainebleau 1685 widerrief Ludwig XIV. das Edikt von Nantes. Wer nunmehr als Protestant erkennbar war, wurde mit Haft oder Galeerenstrafe belegt. Daraufhin begaben sich viele in eine Untergrundkirche und leisteten teilweise in den Cevennen Widerstand (Camisarden). Dort kam es in den Jahren 1703 bis 1706 zum Bürgerkrieg, worauf Ludwig XIV. über 400 Dörfer dem Erdboden gleichmachen ließ. Das Psalmensingen und Bibellesen wird mit hohen Strafen belegt. Viele Menschen traten zwangsweise zum Katholizismus über, auch um den gefürchteten Dragonaden zu entgehen. Aber der Protestantismus ließ sich nicht ausrotten, weil die verfolgten und bestraften Protestanten als Märtyrer verehrt wurden.

Da die Angehörigen der protestantischen Oberschicht, darunter die meisten Geistlichen, ins Ausland flohen, wurde die Kirche durch Laienpastoren geleitet, die sich durch eine göttliche Eingebung berufen fühlten. Deshalb kamen prophetische und ekstatische Formen der Religiosität auf. Sie wurden in der Bewegung der Inspirierten in ganz Europa wirksam.

In den Nachbarländern fanden die besitzlos gewordenen Hugenotten, die zur leistungsfähigsten Schicht der Gesellschaft zählten, bei den Herrschern bereitwillige Aufnahme, Privilegien und Kredite, was in der übrigen Bevölkerung wiederum Unverständnis, Neid und Anfeindungen auslöste. Zumal stießen sie als Reformierte auf Lutheraner, so dass sie wiederum eine religiöse Minderheit verkörperten.

Zu den Ländern, die für etwa 200.000 Hugenotten eine neue Heimat wurden, zählten die Schweiz, die Niederlande, England, Deutschland und Amerika. So wurden mit dem Edikt von Potsdam vom 29. Oktober 1685 die reformierten Hugenotten im lutherischen Preußen aufgenommen.

Sie sorgten für eine Blüte der Wirtschaft und besonders der Landwirtschaft und öffneten für das kulturelle und Geistesleben weite Horizonte. Vor allem entwickelten sie maßgeblich Textil- und Seidenmanufakturen und -gewerbe (Seidenraupenzucht), führten den Tabakanbau ein (schwerpunktmäßig in der Uckermark mit dem Zentrum Schwedt/Oder) und waren in Schmuckanfertigung und -handel tätig.

In Frankreich dagegen schuf erst unter Ludwig XVI. das Toleranzedikt 1787 eine neue Möglichkeit protestantischen Lebens.

Die Reformation in anderen europäischen Ländern

England

Die Reformation in England wurde vor allem aus politischen Gründen ausgelöst. Allerdings hatten Theologen auch aus eigenen Gründen die Schriften und das Wirken von Martin Luther, Johannes Calvin und Ulrich Zwingli mit Interesse verfolgt, und es kam vielen von ihnen nicht ungelegen, dass sich nun mehr die Gelegenheit bot, bestimmte Prinzipien, die vormals von Rom verboten waren, auch in England anwenden zu dürfen. So hatte es z. B. Versuche gegeben, die Bibel in englischer Sprache zu verbreiten (siehe John Wyclif, William Tyndale). Diese endeten auch unter Heinrich VIII. mit der Hinrichtung des Übersetzers. Erst unter Edward VI. wurden größere Reformen (z. B. das erste Book of Common Prayer) eingeführt. Mit seinem Tod wurde England unter Maria Tudor, der „blutigen Maria“, wieder gewaltsam zur römischen Lehre zurückgeführt, aber mit der Nachfolge von Elisabeth I. auf dem Thron wurde die anglikanische Kirche wieder etabliert. Die Bestrebungen Karls I., Karls II. und Jakobs II., die katholischen Kirche wieder zum Status der Staatskirche zu erheben, scheiterten mit der Glorreichen Revolution (1688). Damit hatte sich die Reformation in England und Schottland endgültig durchgesetzt.

Schottland

In Schottland wurde insbesondere durch das Wirken von John Knox, einem Schüler Calvins, die presbyterianische Staatskirche (Presbyterianer) geschaffen. In England kam es zu Abspaltungen von der anglikanischen Kirche. Die Puritaner hielten zwar die Einheit mit der Staatskirche aufrecht, wollten die Kirche aber von allen „katholischen“ Strukturelementen „reinigen“ (purify). Radikale Independenten (Kongregationalisten) trennten sich völlig von der Kirche von England (Separatisten). Beide Gruppen lehnten vor allem das Bischofsamt strikt ab. Sie waren stark von Calvins Theologie geprägt.

Weitere Länder

In den skandinavischen Ländern entstanden lutherische Staatskirchen. In den Niederlanden etablierte sich trotz Calvins starkem Einfluss keine reformierte Staatskirche. In den ost- und südeuropäischen Ländern bildeten sich lutherische oder reformierte Kirchen recht unterschiedlicher Größe. Während der Gegenreformation und später wurde ihr Einfluss zurückgedrängt oder wie in Spanien und Portugal ganz ausgeschaltet. In einigen italienischen Alpentälern konnten sich kleine Waldensergemeinden halten, die sich der Schweizer Reformation anschlossen.

Reaktion der katholischen Kirche

Hauptartikel: Katholische Reform und Gegenreformation

Die katholische Kirche war von der durch Luther ausgelösten Welle zunächst völlig überrascht. Als Luther sich nicht überzeugen ließ, verlegte sie sich auf politischen und kirchlichen Druck. Luther musste fliehen und überlebte nur durch fürstlichen Schutz. Zwingli gelang es, den Rat von Zürich von der Richtigkeit seiner Lehre zu überzeugen. Die Ideen der Reformation breiteten sich wie ein Lauffeuer aus – die Bevölkerung strömte zum neuen Glauben, Reichsstädte und Fürsten gingen auf die Seite der Reformation über.

Der damalige Kaiser Karl V. blieb katholisch, konnte sich jedoch nicht auf die Niederschlagung der Reformation konzentrieren, da ihn die Außenpolitik stark beanspruchte (Türken vor Wien, Krieg mit Frankreich).

Das Konzil von Trient (1546–1563) versuchte innerhalb der drei Sitzungsperioden, die im 15. Jahrhundert begonnenen Reformen weiter fortzuführen. Die drei Sitzungsperioden stehen jeweils unter anderen Vorzeichen. Eine gesamte Reform der römischen Glaubenslehre hatte zu keiner Zeit zur Debatte gestanden – auch wenn man sicher sagen kann, dass nach dem Konzil die katholische Kirche eine andere geworden war als diejenige, die Luther vorgefunden hatte. Insbesondere die Auswüchse in Klerus und Kurie konnten beseitigt und eine Vereinheitlichung und „Modernisierung“ der römischen Kirche in Europa durchgesetzt werden. In der Folge leitete der von Ignatius von Loyola gegründete Orden der Jesuiten die Gegenreformation ein.

Konfessionalisierung

Theologisch wie auch politisch gipfelte die Reformation in den Bekenntnisschriften der protestantischen Kirchen:

Bedeutung und Folgen

Die Reformation war einer der großen Wendepunkte in der Geschichte des Abendlandes. Für die Geschichte des Christentums bedeutete die Reformation den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, die über die ab dem 13. Jahrhundert verstärkt formulierte Kritik an der römisch-katholischen Kirche (Averroismus, Jan Hus, John Wyclif, Wilhelm von Ockham) und die Bildung zahlreicher „häretischer“ christlicher Glaubensgruppen bis hin zur erneuten Spaltung der Christenheit führten. Die neu entstandenen Konfessionen konnten sich nach langem Ringen schließlich als staatlich gleichberechtigte Kirchen neben der römisch-katholischen etablieren. Da die neuen Konfessionen zu stark waren, um dauerhaft unterdrückt werden zu können, waren, obwohl es zahlreiche Rückschläge und sogar Religionskriege gab, beide Seiten auf Dauer zur religiösen Toleranz gezwungen. Die römisch-katholische Kirche verlor nicht nur in weiten Teilen Europas an Einfluss, sondern insbesondere auch ihr bis dahin beinahe unantastbares Deutungsmonopol für die Auslegung der Bibel. Die Reformation führte durch den Druck, der durch den schnellen Abfall ganzer Regionen vom Katholizismus verursacht wurde, auch auf römisch-katholischer Seite zu Reformen. Daher spricht man hierfür auch von katholischer Reform. Außerdem wurde versucht, eine Rekatholisierung der vom römisch-katholischen Glauben abgefallenen Gebiete zu erreichen, was wiederum eine Seite der Gegenreformation darstellt.

Zwar wurde die christliche Religion durch die Reformation nicht grundlegend in Frage gestellt, dennoch wurden fundamentale Glaubenssätze und religiöse Praktiken, die jahrhundertelang als unumstößlich galten, von den Reformatoren und ihren Anhängern verworfen (z. B. Marien- und Heiligenverehrung, Wallfahrten und andere „gute Werke“). Die Autorität der Kirchen über die Gläubigen wurde zwar zunächst nur teilweise aufgebrochen, dennoch bereitete die Reformation den Weg zum Zeitalter der Aufklärung, in dem das Individuum in seiner persönlichen Freiheit deutlich aufgewertet wurde und in der schließlich selbst atheistische Weltbilder Anerkennung erfuhren.

Doch die Reformation revolutionierte nicht nur das geistliche Leben, sie setzte auch eine umfassende gesellschaftspolitische Entwicklung in Gang. Vorbereitet durch Luthers prinzipielle Trennung von Geistlichem und Weltlichem (Zwei-Reiche-Lehre) löste sich der Staat von der Bevormundung durch die Kirche, um nun seinerseits im Landesherrentum und Absolutismus die Kirche von sich abhängig zu machen. Doch auch dies stellte nur eine Übergangsphase in einer Entwicklung dar, die in vielen Ländern in die Trennung von Kirche und Staat mündete, die die Hugenotten und Täufer als verfolgte Minderheitskirchen schon seit ihrer Entstehung im 16. Jahrhundert praktizierten (vgl. Abschnitte 3 und 5). Aus dem englischen Täufertum entstanden Anfang des 17. Jahrhunderts die Baptistenkirchen. Stärker noch als die General Baptists waren die Particular Baptists von der Theologie Calvins beeinflusst. Wie die Täufer forderten die Baptisten vehement Glaubensfreiheit (John Smyth, Thomas Helwys, Roger Williams u.a.). Als letzte reformatorische Kirche trennten sich Ende des 18. Jahrhunderts die Methodisten von der Kirche von England.

Durch das Entstehen protestantischer Territorien und Staaten verschoben sich die Machtverhältnisse in Europa und später in den überseeischen Kolonien grundlegend. Die Reformation hatte tiefgreifende Auswirkungen auf alle Gebiete des Lebens: Ehe und Familie, Staat und Gesellschaft, Schule und Hochschule, Wissenschaft, Wirtschaft und Kunst ((Kirchen-)Musik, Literatur, Malerei). Die Reformatoren wollten, dass jedes Gemeindeglied die Bibel selbst lesen konnte. Deshalb förderten sie das Bildungswesen auf allen Ebenen, von der Volksschule über die Lateinschule bis zur Universität. Dadurch entstand eine für das Erstarken der Geistes- und Naturwissenschaften sowie der Technik günstiges kulturelles Klima. Die Betonung von Fleiß, Sparsamkeit, Genügsamkeit und – vor allem bei Calvin – der Verzicht auf Luxusgüter machte Geld für Investitionen frei, was der kräftigen Entwicklung der Wirtschaft zugutekam (vgl. Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus).

Somit wirkte die Reformation weit über die eigentliche Reformationszeit hinaus und bildete einen Wendepunkt hin zur Entwicklung der modernen Gesellschaft der Neuzeit.

Literatur

Weblinks

 Commons: Reformation – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Reformation – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1.  Edith Simon: Great Ages of Man: The Reformation. Time-Life Books, 1966, ISBN 0-662-27820-8, S. 120–121.
  2. Heinz Schilling, Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie. München 2012







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